| Soziologie Schriften Archiv email home © | Dr. Lars Hennings | |||
|
18. Jahrhundert - ältere Arbeiten - neues eBook - 18. Jahrhundert Meine soziologischen Arbeiten teilen sich in zwei historische Themenfelder. Nach meiner Tätigkeit als Architekt forschte ich zur Sozialstruktur, zum erweiterten Haushalt (Ganzes Haus), zu Dörfern und Städten des 18. Jahrhunderts. Meine zusammenfassende Hauptarbeit (1995) ist jetzt als eBook frei zu laden > 18. JH #########################################################################
Einführung ins Thema: Zur Bedeutung Marx´ und Engels´ für die moderne Soziologie 1859 - Geburt auch der "sozialen Evolution" Im Juni 1859 erschien von Karl Marx der kleine Vorläuferband zum "Kapital" mit dem Titel "Kritik der politischen Ökonomie". In dessen Vorwort schrieb der Autor auf nur anderthalb Buchseiten jenen "Leitfaden" auf, von dem er bei seiner Betrachtung der Ökonomie ausgegangen sei. Dieses Konzept, das ich "Basis-Überbau-Modell" nenne, wurde allerdings schon 1845 zusammen mit Friedrich Engels in der bis um 1930 unveröffentlichten Schrift "Die deutsche Ideologie" formuliert. Ich spreche von "Modell", weil seinerzeit bereits ein soziologisches Modell entstand, das bis heute plausibel ist. Denn die Arbeit Marx´ und Engels´ war eine frühe Form der Soziologie mit wichtigen und bis heute anerkannten Theoremen. Die beiden sprachen von ihrer "positiven Wissenschaft", deren empirisch gefundene Ergebnisse aber prozessual (damals: dialektisch) zu interpretieren seien. Und dieses Denken einer sozialen Evolution kann heute durchaus in jenem Dreierschritt "Ausdifferenzierung des Bestehenden - Selektion neuer lebensfähigen Formen - Stabilisierung neuer Arten" formuliert werden, wie er in der modernen Soziologie und ebenfalls in der biologischen Evolutionstheorie Verwendung findet (Darwin, dessen bahnbrechende Arbeit Ende 1859 erschien, Marx und Engels kannten diese Formulierung nicht, auch die Mutation war noch unbekannt). Nun wurde mit Darwins Buch, das schnell in aller Munde war, nicht quasi von heute auf morgen die Evolution gegen die Schöpfung in die Welt gesetzt. Darwin selbst nennt unter anderen Goethe, auch seinen Großvater Erasmus als Vorläufer bei der Formulierung der Evolution. Was Darwin neu schuf war eine starke Theorie, wie biologische Evolution funktionieren kann, nämlich nicht durch individuelle ! Anpassung und dessen Vererbung, auch nicht durch Lernen, sondern durch den geschilderten Dreierschritt in ungeplanten Abläufen über die Generationen. Auch in der Gesellschaftswissenschaft war es immer deutlicher geworden, die soziale Entwicklung sei prozeßhaft erklärbar. Zuletzt war es der Philosoph Hegel in Berlin gewesen, der sein philosophisches System als Prozeß formuliert hatte, wenn auch ein Prozeß im Geistigen unter letztlich der Regie Gottes (Weltgeist). Durch scharfe Kritik an ihm und der "Aufhebung" der Philosophie in Richtung einer neuen Sozialwissenschaft kamen Marx und Engels zu ihrer Theorie der Gesellschaft, die sich ebenfalls aus vielen Quellen speiste, wie bei den beiden Autoren nachlesbar ist. In der Aufhebung, der Überwindung der Philosophie insgesamt und dabei vor allem der Hegels entwickelten Marx und Engels 1845 eine Konzeption (1.) positiver, also empirischer Wissenschaft der (2.) sozialen Prozesse. Diese Aufhebung der Philosophie hatte zwei Wurzeln: Marxens Kritik Hegels und anderer Philosophien (auch Feuerbach), sowie Engels´ empirische Untersuchungen der Arbeiterklasse des damals hochindustialisierten Manchesters, wohin letzterer, ohne sein Abitur machen zu dürfen, von seinem Vater zur kaufmännischen Ausbildung geschickt worden war. Schon in seiner Untersuchung "Die Lage der arbeitenden Klasse in England", die 1845, im Jahr als auch die "Deutsche Ideologie" verfaßt worden war, publiziert wurde, skizziert Engels die prozeßhafte Entwicklung des modernen Kapitalismus aus der ländlichen Agrargesellschaft auf empirischer Grundlage. Das Konzept des "Basis-Überbau-Modells" wird heute meist in der Fassung von 1859 zitiert. Marx spricht in jenem Vorwort nicht von Evolution, diesen Begriff hat er erstmals 1847 verwendet. Evolution ist dabei der normale gesellschaftliche Prozeß der Anpassung der sozialen und politischen Produktionsverhältnisse an die permanente Entwicklung der gesellschaftlichen Ökonomie, an die Produktionskräfte. Revolution bezeichnet den besonderen Prozeß, wenn die normale Veränderung des Lebens, z. B. durch Herrschaftsansprüche, quasi angehalten wird, wenn es beispielsweise dem Adel gelingt, sich gegen die beginnende industrielle Entwicklung an der Macht zu halten, nachdem in Frankreich die große Französische Revolution von 1789 gegen den Adel erfolgreich war. Die ist seinerzeit im Bewußtsein noch lebendig, in jenen Jahren wird auf eine europäische Revolution gehofft, die dann auch 1848 in Paris, Wien und Berlin ausbrach. Methodisch ist bei diesem Modell entscheidend, hier wird nicht historisch erzählt, wie die Entwicklung verlaufen ist, sondern es werden wissenschaftliche Typen gebildet, durchschnittliche Phänomene beschrieben, die für alle Zeiten mehr oder weniger gültig sind, Typen verschiedener Produktivkräfte und Verhältnisse, Typen verschiedener Akteure: Proletarier oder Kapitalist als "Charaktermaske". Schon der Soziologe Max Weber, bis heute Übervater der soziologischen Zunft, hat darauf hingewiesen, der "große Denker" Marx habe - wie er selbst - mit Idealtypen gearbeitet. Das Hauptwerk "Das Kapital" wird von Marx später genauso strukturiert, denn die politische Ökonomie ist für ihn die "Anatomie der bürgerlichen Gesellschaft", ist nicht so etwas wie Volkswirtschaft im heute eingeschränkten Sinn, sondern ist moderne Soziologie (was dieses Fach aber bislang nicht hinreichend würdigt). Marx und Engels formulierten beispielsweise schon, wie durch rationales Handeln unintendierte Folgen entstehen und die Verhältnisse quasi hinter den Rücken der Handelnden sich als anonyme Mächte verfestigen, sie sahen die Institutionenbildung, und wichtige Soziologen haben sich positiv auf sie bezogen (Tönnies, Weber, der frühe Sombart, Berger/ Luckmann, Habermas u. a. m. werden in meinem Buch besprochen). Das Basis-Überbau-Modell ist so zu skizzieren: Weil Menschen immer ihren täglichen Lebensunterhalt produzieren müssen, wozu sie – gesellschaftlich gesehen – die sich permanent wandelnden Produktivkräfte als Werkzeuge benutzen, gehen sie notwendig Produktionsverhältnisse ein, um diese Produktion zu organisieren. So entstehen die historischen Epochen, Urgesellschaft, Sklavenhalterzeit, Feudalismus und dann Kapitalismus (in Europa/ Amerika). Aus Produktivkräften und Produktionsverhältnissen, zusammen sind sie die gesellschaftliche "Basis", ergeben sich die religiösen, geistigen und kulturellen Äußerungen in den Gesellschaften, das nennt Marx 1859 den "Überbau". Dabei sind in der prozeßhaften Analyse, mit der Dialektik Marxens (nicht mehr der Hegels), Wechselbeziehungen zwischen allen Ebenen selbstverständlich, und das mit einer Tendenz (aber keiner teleologischen - göttlichen - Zielsetzung) zum Komplexeren wie bei einer Spirale. Die Produktivkräfte verschränken sich mit den Produktionsverhältnissen wie mit dem Überbau, der entsprechend auf die anderen Teile des Modells zurückwirkt. Zuguterletzt wird dann noch festgehalten, das Sein bestimme das Bewußtsein, Menschen würden also durch ihre Umwelt geprägt - auch das Bewußtsein wirkt auf das Sein der Menschen zurück. Entsprechend verändern sich die Menschen im historischen Prozeß selbst, indem sie ihre Umwelt verändern, was für Marx und Engels wesentlich für das langfristige Gelingen einer Revolution war, daß sich die Menschen in den darauf folgenden Jahrzehnten selbst verändern müßten, vom kapitalistischen zum sozialistischen Bewußtsein (ohne aber an Indoktrination dabei zu denken; sie vertraten die freie emanzipative Selbstentwicklung in einer basisdemokratischen und ökologisch gestalteten Umwelt kleiner Städte mit Landwirtschaft und Industrie im Gemeineigentum). Dieses "Das Sein bestimmt das Bewußtsein" galt also entsprechend wechselseitig, das Bewußtsein bestimmt ja offenkundig auch das Sein. Aber in jener Zeit um 1845 war das einer der entscheidenden Fragen: kommen die Menschen von Gott oder kommt Gott von den Menschen? Damals ging es darum, in dieser besonderen Weise aufzuzeigen, wie in einem dauernden Prozeß die jeweilige Gesellschaftsform entstanden sein konnte: evolutionär, durch beständiges Verändern der Werkzeuge der Menschen in ihrem Alltag (Differenzierung) und der Anpassung der sozialen Verhältnisse an die Notwendigkeiten der sich wandelnden Arbeitsprozesse (Selektion), um dann mit dem Kapitalismus gegenüber dem Feudalismus eine neue soziale Epoche entstehen zu lassen (Stabilisierung). Und Marx und Engels sehen das Wachsen der Arbeiterklasse als Möglichkeit an, daraus könne sich eine herrschaftsfreie Gesellschaft entwickeln, wenn das Produktivkapital vergemeinschaftet wird und alle Menschen gut gebildet würden. Als beide 1859 Darwins Buch lesen, kommentieren sie, der habe nun "unsere Ansicht" auf dem Gebiet der Biologie bestätigt. Hier noch mal der Link: Ein einführendes Lesebuch in Gesellschaftstheorie und Geschichte |
Zur Einführung ins 19. JH und in die Frühgeschichte habe ich auch noch einige Geschichten geschrieben. |
|||