Lars Hennings
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Zur Erinnerung an das Vortoscope (1916 Kaleidoskop)
von
 Alvin Longdon Coburn, 1882 - 1966


KORREKTUR: Mein Eindruck, ich hätte wenigstens einen Teil der Arbeit mit dem Vortoscope aus drei Spiegeln verstanden, hat sich bei Nutzung von grösseren Spiegeln nicht bestätigt; ich komme unten darauf zu sprechen, will aber jetzt nur noch die wesentlichen Punkte ansprechen, auf die ich zum Thema stieß.

Eine andere Fassung findet sich hier: vorto.htm

Es ging mir darum, die "Vortographien", die Coburn zusammen mit Ezra Pound 1916/ 17 begann, zu entschlüsseln.
Das sind abstrakte Bilder im Rahmen der KünsterInnengruppe des Vortizismus und der Zeitschrift Blast. Coburn schreibt bei seinem aus Spiegeln zusammengesetzten "Vortoscope" von einer Ähnlichkeit mit einem Kaleidoskop. Seine Darstellung ist aber sehr vage. Es gibt zudem wohl mehrere Verfahren. 

Eine erste Besprechung fand im §> Grossformatforum statt. Siehe im Netz auch unter: Vortoscope oder Vortograph (einige Beispiele zeige ich unten).

Typische Kaleidoskop-Bilder mit drei Spiegeln zeigen eine Struktur ähnlich grosser Dreiecke (bei nach innen weisenden Spiegeln, die zu einer "Röhre" verbunden werden); jeweils einmal ist typischerweise in ihnen ein Objekt real, ohne gespiegelt zu sein, abfotografiert, das hinter dem Kaleidoskop angeordnet ist, im folgenden Bild ein gelbes Plastikteil.



Mit drei Spiegeln lässt sich auch eine Ecke bilden, das sieht dann beispielsweise so aus, oder es wird ein Ausschnitt gemacht; diese Spiegel sind weiss eingefasst:



Coburns Vortoscope ist leider nicht bekannt, und seine Fotos haben einen anderen Charakter. Er spricht in seiner Autobiographie davon, er habe sein Vortoscope der Royal Photographic Society überlassen; doch die haben es nicht inventarisiert (sagt §> Pamela Roberts, die die letzte Ausstellung zu Coburn kuratierte und den Katalogtext schrieb). Auch das Eastman (Kodak) Museum, das das Archiv Coburns erhielt,
weiss nichts dazu. Allen drei danke ich für Informationen; PR auch für folgenden Text von Kimberly Kyle Howey, die die Grundlagen des Vortoscope weitgehend interpretiert (§> im: Appendix), aber noch gibt es offene Fragen.

Wozu das Ganze?

Bereits 1914 (17.6.) wurde in der Zeitschrift Punch eine Karikatur/ Zeichnung publiziert, die einen Fotografen („The Cubist Photographer“) ein Portrait durch eine facettierte Kristallkugel machen lässt. Und "cubist" deutet in Richtung Kubismus und Futurismus, mit dem sich die MalerInnen und Bildhauer des Vortizismus zusammen mit dem Dichter Pound beschäftigten (der später zu Mussolini und Hitler neigte).

Der Bildhauer und Maler Max Weber regt in „Cubist Poems“ (1914) zu möglichst viel Abstraktion in der Kunst an.

1915 (25.1.) meldet Douglas Henry Saville eine (verfremdende) „distorting prism lens“ als Patent an (Europ. Patentamt; Mitt. Royal Photographic Society), bei der ein zu steuerndes Prisma auf ein Kamera-Objektiv aufgesetzt werden sollte (Unterlagen im Grossformatforum).

Das Thema lag also in der Luft.

Mehrfach wird gesagt, im August 1916 sei das Vortoscope aus dem zerbrochenen Rasierspiegel von Ezra Pound als eine Variante dieser Ideen entstanden (das schreiben Pamela Roberts im genannten Katalog, aber auch Eva Hesse in: Die Achse Avantgarde - Faschismus: Reflexionen über Filippo Tommaso Marinetti und Ezra Pound). Tatsächlich ist der zerbrochene Spiegel nicht nachweisbar, sagt Kimberly Kyle Howey.

Eva Hesse betont, Coburn sei es darum gegangen, von „der photograpischen Abbildlichkeit zur Abstraktion zu gelangen“. Pound habe seinem Vater geschrieben, es müsse nicht mehr abfotografiert werden, was sich vor der Kamera befinde, und: „Die Kamera ist von der Wirklichkeit befreit“. Ist das ein Hinweis auf das Abbilden nur von Spiegelungen, nicht direkt des Objekts? Allerdings entstand eine Reihe von Vortographs offensichtlich mit Objekt plus Spiegelung; s. u.

Coburn spricht vom Vortoscope, es sei: „...in etwa vergleichbar mit dem Kaleidoskop“; also nur: in etwa. (Hesse) Er denkt 1916 auch an Mehrfachbelichtungen (ist ein Frontalportrait Pounds eine solche?) und an Bewegungsstudien, und fotografiert als erster neue Perspektiven, u. a. von oben herab mit dem Foto „Thousand Windows“, 1912. (siehe seinen Text: Zukunft Pictorialismus; auch in der Autobiographie: Auf der Suche nach der Schönheit) Er arbeitet mit Spiegeln und Prismen, sagt auch Mißelbeck (im Katalog: Coburn, herausgegeben von Steinorth). Weaver sieht drei Gruppen Vortographs. Und möglicherweise ist auch die folgend besprochene Vortographie in der Dunkelkammer mehrfach belichtet worden; vielleicht auch andere dieser Bilder.

Zu den Pound-Bildern Coburns

Eins der Vortographien ist dieses, das ein Profil Pounds enthält, mehrfach wurde in Fotografien dessen Profil so exakt gespiegelt dargestellt:
https://officialnyasha.files.wordpress.com/2015/02/6.jpg

Insbesondere ist mir noch unklar – und ich werde das wohl auch so stehen lassen – wie die balkenartigen Formen entstehen. Das einzige Foto, das ich im Internet fand, das mit Coburns Bildern ein gemeinsames Element in diesen Formen zeigen könnte, ist hier zu sehen, es heisst: Vortograph Skybridge, §> Flickr. Ich bekam keine Antwort von Johnson. Ist das ein Blick auf ein Brückengeländer, das durch ein Kaleidoskop gen Himmel fotografiert wurde? Ich habe so etwas versucht, bekam aber ein völlig anderes Ergebnis (3 Spiegel 12,5 x 25 cm):